Konzept Liedgut
Kammermusik kommerziell
Das Kunstlied wird ähnlich wie das Streichquartett zu den Werken gerechnet, die der Gattung Kammermusik angehören.
Durch einen schlichten Vortrag im kleinen Raum ohne Ablenkung eines Bühnengeschehens oder eines auf grosse Effekte zugeschnittenen Orchesterapparates ist es möglich, differenzierteste Emotionen aber auch komplizierte abstrakte Prinzipien, intellektuell wie intuitiv Erlebtes oder Gedachtes auszudrücken.
Die Kammermusik ist daher das liebste Kind der sensibleren ausübenden Musiker, gleichzeitig aber auch das Stiefkind des Massenpublikums.
Als ich in der Vorbereitung dieses Projekts mit der Musikmanagerin P. Hildebrand-Wanner (auris-berlin) auf die finanzielle Seite meines Vorhabens zu sprechen kam, war die gemeinsame Einschätzung: Kostendeckung oder gar Gewinn durch einzelne Konzerte nicht möglich! Was tun? Andere Einnahmequellen müssen her!
Aus diesem Grund entstand jetzt die erste CD mit hohem finanziellen Aufwand unter sehr guten Bedingungen toller Raum, guter Flügel renommierte Tonmeisterin, drei Tage Zeit und nicht zuletzt sehr gute engagierte Künstler . Auch Wiederholungen der einzelnen Veranstaltungen sollen zumindest einen Teil der Kosten wieder reinholen.
Nun leben wir hier in Berlin in einer Stadt, die zumindest an gebildetem Publikum keinen Mangel leidet. Trotzdem ist es nicht leicht, dieses Publikum zu gewinnen. Das Kulturangebot ist riesig auch im Bereich Kammermusik und daher muss nicht nur der gute Wille da sein, die Kunstlieder auf den Markt zu bringen, sonder auch qualitativ akzeptable künstlerische Leistungen.
Es sollte also möglich sein, ein größeres Publikum zu erreichen, das (soweit in der Lage) auch willens wäre, eine unsubventionierte Konzertkarte zu kaufen, bei der die Höhe des Eintrittspreises wenigstens den Namen „Kostenbeitrag“ verdient.
Wir werden sehen, ob dieses besondere Publikum erkennen wird, daß wir nicht in erster Linie auf kulinarischen Stimmgenuss aus sind.
Die andere Falle möchte ich aber auf jeden Fall umgehen:
Intellektuell hochstehende Vorträge ohne visuelle Reize und unter ausgesprochener Vermeidung jeglichen Genusses, mit Unterhaltungscharakter, der gegen Null geht.
Vielleicht sind es diese trockenen Veranstaltungen, die der Kammermusik den Ruf der "Ungenießbarkeit " eingebracht haben.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der informative Aspekt:
Natürlich haben schon viele herausragende und gewiss renommiertere Musiker versucht, diese teils sehr komplizierte Musik dem Publikum erklärend näher zu bringen.
Das ist auch sehr wichtig, führt aber dazu, dass die oft nicht gelesenen Programmhefte überfrachtet sind und letztendlich dem Zuhörer nur der Stimmgenuss oder die Langeweile bleibt. Kurioserweise sind die Programmhefte bei Oper- oder Theateraufführungen noch opulenter. Das gibt zu denken, sollte die dramatische Form doch selbsterklärend sein können.
In unseren Konzerthäusern ist es schon länger Brauch, kleine Einführungsveranstaltungen abzuhalten.
Ich sehe das etwas kritisch:
Zum Einen können sich die vortragenden Wissenschaftler oft nicht unter den musikwissenschaftlichen Horizont des Publikums begeben.
Zum Anderen meine ich, dass wir vielmehr die tatsächliche Vielschichtigkeit der kammermusikalischen Werke nutzen könnten. Sie verstehen sich dann tatsächlich von selbst.
Mit Vielschichtigkeit meine ich: Die hohen Ebenen der Werkinterpretation dürfen die „niederen Ebenen“ immer mitnehmen. Wenn sie das nicht tun entsteht eine „musikalische Schizophrenie“.
Also auch: Gebrauch der gesunden Stimme mit Resonanz, Vibrato Schwellfähigkeit, Artikulationsfähikeit etc, (siehe auch Link Verena Rein über das Kunstlied), emotionaler Ausdruck, dramatische und visuelle Aspekte. Das ist kein Widerspruch zum kammermusikalischen Charakter des Kunstlied-Genres.
Für den instrumentalen Partner gilt übrigen das Gleiche. Auch hier verstehen einige Künstler und leider auch Kritiker z.B. die Tonschönheit oder auch Klangpracht als Synonym für Dekadenz und damit künstlerischer Wertlosigkeit. Wie es in der Interpretation von Kunst-Liedern und in der Alten Musik zu einer derartigen Abwertung der Klanglichkeit kam ist schon vielfach besprochen worden. Sie ist fester Bestandteil so mancher musikalischer Ideologie.
Die genannten Parameter sind alle Voraussetzungen für das Verständnis komplexer Werke der Lied- und Dichtkunst, denn sie stehen in einer gewissen Bedeutungsierarchie (eben nicht Wertehierarchie).
Sie bilden in ihrer scheinbaren Primitivität die Basis führ die differenzierte Darstellung des musikalischen oder dichterischen Vortrags. Erreicht der Künstler ein hohes Niveau, so sind bereits alle vormals noch primitiven Ausdrucksmittel quasi transzendiert, aber nicht verschwunden (nur ausdifferenziert) und gewissermassen gereinigt von Übertreibungen.
Die hohe Kunst darf ihre Wurzeln eben nicht verleugnen
Und schließlich haben wir heute durch Einsatz von Multimedia einschliesslich Internet die Möglichkeit, beinahe alle erdenklichen Kunstformen miteinander zu verbinden. Auch die Kammermusik sollte sich diesen Vorteilen nicht verschliessen. Hier gibt es gute Chancen, Verständlichkeit und Genuss miteinander zu verbinden.
Überlassen wir das Internet doch nicht der Banalität, die leider noch das web 2.0 (Begriff für Social-Networking, Foren, dynamische Internetseiten) beherrscht.
Lange Rede kurzer Sinn:
Es ist möglich auch die „komplizierteren“ Werke der Liedliteratur auf der Konzertbühne unterhaltsam verständlich zu machen und das will ich mit Hilfe vieler interessierter Kollegen unternehmen. Lassen Sie uns die Web-Seite Liedgut zu einer Diskussionsplattform über die oben angerissen Themen machen.
Das wäre eine aufregende Sache
Lutz Pfingsten
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